Energetische Ertüchtigung der Gebäudehülle, Wechsel zu klimaneutraler Wärmeversorgung und Auswirkungen auf das Energiesystem
09.06.2026: Neue Studie im Auftrag der Wissenschaftsplattform Klimaschutz zur Dekarbonisierung des Gebäudebestands
Die Emissionen des Gebäudesektors sinken unverändert nur langsam. Die gesetzlich festgelegten Emissionsziele verfehlt der Sektor weiterhin deutlich.1 Aufgrund der geringen Neubautätigkeit und der Baualtersstruktur liegt der zentrale Hebel zur Emissionsminderung des Gebäudesektors in Deutschland im Gebäudebestand, und dort in Anpassungen der Wärmeversorgungssysteme sowie in der Gebäudesanierung zur Steigerung der Energieeffizienz.
Vor diesem Hintergrund hat die Wissenschaftsplattform Klimaschutz (WPKS) eine Studie beauftragt, die das Zusammenspiel dieser beiden Ansatzpunkte zur Emissionsreduktion im Gebäudebestand analysiert.
In der vorliegenden Studie beleuchten Dr. Jan Steinbach, Jana Deurer Oppen, Johannes Haller und Jan Kellershohn vom Institut für Ressourceneffizienz und Energiestrategien (IREES) die Rolle der Energieeffizienz im Vergleich zum Wechsel auf klimaneutrale Wärmeversorgungssysteme für das Erreichen eines klimaneutralen Gebäudesektors. Sie betrachten dazu eingesetzte Technologien, Kosten, Treibhausgasemissionen und Energienachfrage sowohl auf Ebene der Einzelgebäude als auch des Gebäudesektors. Zudem nehmen sie die Auswirkungen auf das Energie- bzw. insbesondere das Stromsystem in den Blick.
Im Mittelpunkt der Untersuchung steht das Zusammenspiel von energetischer Gebäudesanierung und der Umstellung auf klimaneutrale Heizsysteme. Mithilfe eines detaillierten Gebäudemodells wurden unterschiedliche Sanierungsniveaus analysiert und mit einem Niedrig- und einem Hocheffizienzszenario zwei Transformationspfade verglichen, die beide bis 2045 zu einer vollständigen Emissionsreduktion im Gebäudesektor führen.
Die Ergebnisse zeigen:
Sowohl eine Strategie mit ambitionierten Effizienzstandards, also hohen Sanierungstiefen der Gebäudehülle, als auch eine stärker auf die schnelle Umstellung der Wärmeversorgung ausgerichtete Transformation können Klimaneutralität erreichen. Allerdings unterscheiden sich die beiden Ansätze hinsichtlich Kosten, Energiebedarf und Anforderungen an das Energiesystem.
- Ambitionierte Sanierungen senken langfristig Energiebedarf, kumulative Emissionen und Lastspitzen stärker, erfordern jedoch höhere Investitionen in die Gebäude.
- Moderate Sanierungsstrategien sind einzelwirtschaftlich oft günstiger und schneller umsetzbar, führen jedoch zu höheren Anforderungen an Erzeugung, Netze und (Langzeit-)Speicher.
Energetische Sanierungen auf das gesetzliche Mindestniveau nach dem bisherigen GEG sind im Rahmen der regulären Sanierungszyklen für viele Gebäude wirtschaftlich darstellbar. Höhere Effizienzhausstandards (55 und 40) hingegen rechnen sich häufig nur mit entsprechenden Förderinstrumenten. Aus Gebäudeeigentümersicht gilt dies auch in Kombination mit dem Wechsel auf klimaneutrale Wärmeversorgungssysteme: Mit einer maßvolleren Gebäudesanierung auf das gesetzliche Mindestniveau in Kombination mit dem Umstieg auf klimaneutrale Wärmeversorgung können in vielen Gebäuden die Emissionen kostengünstiger gesenkt werden als bei Umsetzung höherer Effizienzstandards. Oft würden gezielte, auch niederschwellige bzw. geringinvestive Maßnahmen in Kombination mit dem Umstieg auf eine klimaneutrale Wärmeversorgung für erhebliche Emissionsminderungen ausreichen. Die Analyse illustriert dabei auch, wie stark diese Beobachtungen von Energiepreisen, Förderbedingungen, Zinssätzen, betrachtetem Amortisationszeitraum sowie dem energetischen Ausgangszustand der Gebäude abhängen.
Die Studie verdeutlicht jedoch auch, dass ein stärkerer Fokus auf den Umstieg auf klimaneutrale Wärmeversorgungssysteme im Gebäudesektor nicht ohne Folgen für das Stromsystem bleibt und mit einer Kostenverlagerung vom Gebäude- hin zum Stromsektor verbunden ist: Geringere Sanierungsaktivitäten führen zu höherem Strombedarf und stärkeren Belastungen der Energieinfrastruktur – insbesondere in Zeiten geringer erneuerbarer Stromerzeugung im Winter. Effizienzmaßnahmen d.h. energetische Sanierungen im Gebäudebereich, und zusätzliche Infrastrukturinvestitionen im Energiesystem entfalten insofern teilweise substitutive Wirkung.
Zugleich weist die Studie auch in diesem Zusammenhang auf die Effizienzpotenziale hin, die bereits einfache und kostengünstige Maßnahmen – etwa die Optimierung bestehender Heizsysteme – kurzfristig bieten.
Aus den Ergebnissen leiten die Autorinnen und Autoren klare klimapolitische Empfehlungen für den Gebäudesektor ab (Vgl. Zusammenfassung und Kapitel 7):
- Eine pauschale Förderung hoher Effizienzstandards für alle Gebäude ist angesichts begrenzter Förderbudgets wenig zielführend. Stattdessen sollten Fördermittel gezielt dort eingesetzt werden, wo sowohl wirtschaftlich als auch aus Klimasicht die größten Effekte erzielt werden können – insbesondere bei energetisch besonders schlechten Bestandsgebäuden.
- Eine ambitionierte energetische und prioritäre Sanierung dieser energetisch besonders schlechten Bestandsgebäuden zahlt sich auch aus Energiesystemsicht aus.
- Kostengünstige Effizienzmaßnahmen sowie Maßnahmen zur schnellen Dekarbonisierung der Wärmeversorgung sollten auch in der Breite unterstützt werden, um kurzfristig möglichst große Emissionsminderungen zu erreichen.
Weitere Empfehlungen der Studie zielen auf
- eine stärkere Ausrichtung der Energieberatung auf die Emissionsreduktion sowie
- eine kritische Prüfung der Normen und des Haftungsrahmens zur Auslegung von Wärmepumpen in Deutschland, um Überdimensionierung zu vermeiden.
Die Untersuchung basiert auf einer Kombination aus einzelwirtschaftlichen Analysen und sektoralen Szenarienmodellierungen des gesamten deutschen Gebäudebestands. Grundlage bildet das Gebäudemodell Invert/ee-Lab, mit dem unterschiedliche Sanierungstiefen, Sanierungsraten und Wärmeversorgungstechnologien simuliert werden. Insgesamt wurden dabei 266 Referenzgebäudeklassen sowie etwa 9.700 Referenzgebäudesegmente unterschieden und in zwei unterschiedlichen Transformationspfaden bis zum Jahr 2045 abgebildet.
Unter folgendem Link steht die Studie zum Download zur Verfügung.
Diese Studie wurde beauftragt und finanziert von der Wissenschaftsplattform Klimaschutz mit Mitteln des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt. Die Ergebnisse und Aussagen in dieser Publikation liegen in der alleinigen Verantwortung des Autors und reflektieren nicht notwendigerweise die Sichtweise der Wissenschaftsplattform Klimaschutz.
1) Vgl. Expertenrat für Klimafragen (2026): Prüfbericht zur Berechnung der deutschen Treibhausgasemissionen für das Jahr 2025 und zu den Projektionsdaten 2026, abgerufen unter https://expertenrat-klima.de/publikationen/pruefbericht-zur-berechnung-der-deutschen-treibhausgasemissionen-fuer-das-jahr-2025-und-zu-den-projektionsdaten-2026 (Stand: 09.06.2026), S. 22.
